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K O M M E N T A R  -  BAUMEISTER DIALOG
A. Ostermann: "Warum die generelle Forderung eines Abrissmoratoriums unehrlich ist"
Artikel: https://bdb-baumeister.de/blog/2026/05/warum-die-generelle-forderung-eines-abrissmoratoriums-unehrlich-ist/
'Abriss ist nicht das Problem – aber der systematische Fehlanreiz schon'   oder   'Warum eine Begründungspflicht für Abrisse überfällig ist'

Im Artikel erklärt Herr Ostermann, dass der Abriss an sich nicht das Problem sei. Dem würde ich grundsätzlich nicht widersprechen wollen. Das eigentliche Problem liegt im Umgang mit unserer Umwelt und den vorhandenen Ressourcen. Letztlich entscheidet oft weder der substanzielle noch der kulturelle Wert eines Gebäudes über Abriss oder Erhalt, noch sind die städtebauliche Figur oder die raumbildende Wirkung im Stadtgefüge ausschlaggebend.
Herr Ostermann wirft den Befürwortern eines Abrissmoratoriums vor, es gehe ihnen weniger um Nachhaltigkeit als um Besitzstandswahrung oder Ideologie. Ich teile seine Skepsis gegenüber pauschalen Verboten – doch genau deshalb plädiere ich nicht für ein Abrissverbot, sondern für eine fachlich fundierte Begründungspflicht. Diese soll sicherstellen, dass Abrisse nicht aus Gewohnheit, Bequemlichkeit oder kurzfristigen Renditeerwartungen erfolgen, sondern nachvollziehbar und im Einklang mit langfristigen ökologischen und sozialen Zielen.
Das Problem besteht unter anderem darin, dass Neubau häufig günstiger – wenn nicht sogar wirtschaftlicher – erscheint, weil das Wirtschaften in Kreisläufen zugunsten ökonomischer Interessen und einer zunehmend massenhaften Sehnsucht nach Komfort konsequent verlernt wurde. Doch diese Rechnung geht nur auf, wenn wir die ökologischen und sozialen Kosten ausblenden: die graue Energie in den Materialien, die Verdrängung von Mietenden, den Verlust gewachsener Nachbarschaften. Gekoppelt mit den teilweise absurd hohen Bodenpreisen ist dies reines Gift für die Baukultur, den Wohnungsmarkt und nicht zuletzt für all jene, die „nur“ gut in einer (Stadt-)Gemeinschaft leben möchten.
Eine solche Begründungspflicht müsste nicht zwangsläufig bürokratischer sein als bestehende Verfahren. Sie könnte klare Kriterien definieren, etwa:
- die ökologische Bilanz von Abriss vs. Sanierung (graue Energie, CO2-Fußabdruck)
- die soziale Verträglichkeit (Verdrängungseffekte, bezahlbarer Wohnraum)
- die städtebauliche Notwendigkeit (z. B. Verkehrsinfrastruktur, Lärmschutz)
Die Prüfung und Entscheidung über die fachliche Begründung sollte im Sinne der Transparenz durch einen unabhängigen Gestaltungsbeirat erfolgen. Dieser könnte paritätisch besetzt sein – etwa mit Vertretenden aus Architektur, Stadtplanung, Mieterverbänden, Investoren und Kommunalpolitik. Seine Aufgabe wäre nicht, Abrisse pauschal zu verbieten, sondern im Dialog mit allen Beteiligten nach tragfähigen Lösungen zu suchen. Die Begründung sowie die Stellungnahme des Gestaltungsbeirates sollten öffentlich einsehbar sein.
Trotz aller berechtigter Kritik muss ich daher die Lanze für eine solche zuvor möglich gezeichnete Praxis brechen. Sie wirkt auf den ersten Blick zwar nicht weniger bürokratisch als die bisherigen Abläufe und suggeriert zunächst eine „Verschlimmbesserung“. Dennoch erscheint sie notwendig, um das dringend erforderliche Umdenken in einer gelebten Praxis zu verankern. Denn solange Grundstücke wie Spekulationsobjekte gehandelt werden, bleibt Abriss für Investoren fast immer lukrativer als Sanierung und Erhalt. Hier braucht es politische Lösungen – etwa eine Reform der Grundsteuer oder kommunale Vorkaufsrechte. Ein Moratorium allein löst dieses Problem nicht, aber es könnte den Druck erhöhen, endlich über strukturelle Fragen nachzudenken.
Ein solches Moratorium sollte zumindest solange gelten, bis sich die Bauwirtschaft kompetent genug fühlt, wieder sorgfältig und handwerklich im Bestand zu arbeiten – statt alles möglichst schnell und billig neu und „schick“ machen zu wollen. Mehr Demut stünde uns allen gut zu Gesicht. Vor allem aber sollten wir die Wertschätzung für jeden einzelnen Stein in einem Haus wieder erlernen. Denn auf lange Sicht geht es weniger um ein Abrissverbot als vielmehr darum, unserem Handeln eine subtile Wertschätzung abseits wirtschaftlicher Parameter zugrunde zu legen. Es geht also nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch: Wir brauchen neuen Wohnraum – aber wir dürfen dabei nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Aus der Vergangenheit lernen ist das Credo der Stunde - aus begangenen Fehlern, aus getroffenen Entscheidungen und deren Konsequenzen und aus handwerklicher Praxis, die der Ökonomie zum Opfer wurde. Die ökonomische Betrachtung hat ihre Berechtigung, darf aber nicht länger das einzige Maß aller Dinge sein. Jeder Abriss sollte uns daran erinnern, dass wir mit endlichen Ressourcen wirtschaften. Und weil wir Verantwortung tragen – nicht nur für die Gebäude, die wir bauen, sondern auch für die, die wir erhalten – stellt sich nicht die Frage, wie 400 Millionen Tonnen Beton ‚grün‘ werden können. Sondern ob wir es uns leisten können, Jahr für Jahr 400 Millionen Tonnen Beton zu verbauen – während gleichzeitig ganze Stadtviertel ihre Seele verlieren. Die Antwort darauf entscheidet nicht nur über unsere Baukultur, sondern über die Art, wie wir leben wollen und was wir hinterlassen.

Weimar, im Juni 2026
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